Touratech Crew Stories: Endurado


Möglichkeiten für fast grenzenloses Endurofahren finden sich in den südfranzösischen Corbières. Im Rahmen eines Fotoshootings nahm ein Touratech Team die schönsten Routen der Region mit aktuellen Adventure Bikes unter die Räder. Text: Andreas Reimar, Fotos: Katja Wickert

Meterhoch steht eine leuchtend rote Staubsäule im flachen Abendlicht, bevor sie sich im leichten Luftzug langsam verflüchtigt. Afrika? Südamerika? Bevor die Gedanken in allzu weite Ferne schweifen, holt das Röhren des 1250er Boxers den Betrachter jäh in die Realität zurück. Gerhard treibt die BMW eine weitere Runde über die Strecke, lässt bei einem langgezogenen Drift wieder eine riesige Wolke des fein pulverisierten roten Lehms aufsteigen. Noch einmal durch den steilen Anlieger, ein Sprung über den Table, und dann ist Schluss. Schließlich parkt er die Maschine, nimmt mit einem zufriedenen Grinsen den Helm ab.
Der Rest der Gruppe hat sich schon mal gemütlich zwischen die Maschinen gefläzt. Hinter uns liegen vier anstrengende Tage, die hier auf dem Trainingsgelände von Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse im äußersten Süden Frankreichs ihren würdigen Abschluss gefunden haben.
So unscheinbar das kleine Endurogelände erscheinen mag, es haben hier bereits Größen des Geländesports ihr Können zur Schau gestellt. Eine Speziale der Bravade Cathare, eines legendären, vom lokalen Enduro Club veranstalteten Rennens wurde hier ausgetragen. Stars wie Stéphane Peterhansel und David Frétigné gaben sich seinerzeit die Ehre. Während hierzulande eher über die Schließung von Endurostrecken diskutiert wird, haben sich die Franzosen ihr Herz für den Offroadsport bewahrt. Das komplette Stadtzentrum wurde anlässlich der Bravade Cathare zum Parc Fermé umgewandelt, jubelnde Zuschauer säumten die Straßen.

Historie und Lebensart

Mit der Namensgebung haben die Macher der Bravade Cathare eine wichtige Traditionslinie der Region aufgenommen: Das Erbe der Katharer. Als Abweichler von der katholischen Lehre gründeten sie eine eigene Kirche, die sich der Reinheit des Glaubens verschrieben hatte. Im südwestlichen Frankreich, dem sogenannten Okzitanien, erlangten die Katharer im 12. Jahrhundert großen Einfluss. Rund um ihr Zentrum Carcassonne errichteten sie zahlreiche Burgen, deren Ruinen bis heute das Landschaftsbild prägen.
Während wir uns die Aspahltkurven des Col de Termes hinaufschrauben haben wir immer wieder Blicke aufs Chateau de Termes. Wie alle Katharerburgen wurde die Anlage während der erbittert von der katholischen Kirche gegen die Abtrünnigen geführten Kreuzzüge zerstört. Nur rund 200 Jahre währte die Blütezeit der Katharer, ab circa 1400 gilt die Bewegung als ausgelöscht.
Für den Heimweg hat Lothar, Touratech Mitarbeiter und seit rund 20 Jahren in den Corbières als Tourguide tätig, seine bewährte Mischung aus Schotterwegen und kleinen Landstraßen zusammengestellt.
Lagrasse heißt unsere nächste Station auf dieser fahrtechnisch abwechslungsreichen Route. Das Zentrum des Örtchens ist fein herausgeputzt, zahlreiche Künstler haben sich in den Ladenlokalen der Altstadt mit ihren Ateliers eingemietet. Auch sonst haben sich zahlreiche Geschäfte des Orts dem verfeinerten Lebensstil verschrieben, so auch die Vinaigrerie Cyril Codina, wo es eine schier unfassbare Vielfalt an Essigsorten zu kaufen gibt.
Gleich oberhalb des Ortes liegt der Col Rouge, der mit seinen rot gefärbten Serpentinen einen wunderbaren Einstieg in unsere letzte Etappe bildet. Während wir Kurs auf Moux nehmen, stellt sich uns die Montagne d‘Alaric in den Weg. Für die Überwindung des Bergrückens hat sich Lothar etwas Besonderes ausgedacht. Ein Singletrail, so schmal, dass die Koffer teils heftig mit dem Buschwerk kollidieren, führt uns über karge, nur von besonders widerstandsfähigen Sträuchern bewachsene Hochflächen. Vorsicht ist hier angesagt, denn auf dem geschlängelten, unübersichtlichen Weg kann jederzeit ein Hindernis auftauchen – und wenn es ein Kollege ist, der mit seiner Maschine in einer Steilauffahrt hängen geblieben ist.
Dann noch ein paar Meter Landstraße, und wir können die Maschinen vor unserem Hauptquartier, der Maison Las Clauzes in Moux, parken. Wirt Holger steht schon neugierig vor dem Haus und will von unseren heutigen Erlebnissen erfahren. Beim obligatorischen Ankunftsbier passiert ein spannender Fahrtag noch einmal Revue. Doch bevor die Erzählungen allzu ausschweifend werden, bittet Holger nach drinnen. Ein mehrgängiges Menü ist bereits vorbereitet.
Allzu lang darf sich der Genuss trotz bester Weine nicht in die Nacht hinziehen, denn am nächsten Morgen wartet wieder ein straffes Programm auf die Crew.

Am Kanal du Midi

Feldweg, Schotterweg, Landstraße – in rascher Folge wechselt der Untergrund, als wir auf Lothars Spezialpfaden ins Midi Tal gelangen, das sich zwischen Corbières und Montagne Noir erstreckt. Hier fließt der Canal du Midi, ein ingenieurstechnisches Wunderwerk, das seit dem 17. Jahrhundert das Mittelmeer mit dem Atlantik verbindet.
Seine einstmals enorme wirtschaftliche Bedeutung hat der Kanal heute eingebüßt. Der seit 1996 zum Weltkulturerbe zählende Wasserweg ist dafür bei Hobbykapitänen besonders beliebt, die den Kanal mit den unterschiedlichsten Wasserfahrzeugen bis hin zum riesigen Hausboot befahren. Nicht selten kommt es an den zahlreichen Schleusen zu dramatischen Szenen, die auch gerne in handfesten Ehekrisen zwischen selbst ernannten Navigatoren und ihren Gattinnen führen, wie Guide Lothar zu berichten weiß.
An einer dieser Schleusen, bei Puichéric, hat ein Künstler sein Domizil aufgeschlagen. Aus allerlei Schrott schweißt der schaffenswütige ältere Herr bizarre Skulpturen zusammen. Besonders auf die Ausgestaltung der Geschlechtsmerkmale verwendet er viel Sorgfalt, was prüdere Zeitgenossen sicher vom Erwerb vieler seiner Werke abhalten dürfte.
Ein weiterer historischer Verkehrsweg führt uns ins Tal der Aude. Schnurgerade, einige Meter über den umliegenden Feldern, zieht sich eine alte Bahnstrecke durchs Land. Sie wurde einst errichtet, um den Marmor aus den Steinbrüchen in Caunes-Minervois abzutransportieren. Während sich der rötliche, stark geäderte Stein in früheren Jahrhunderten größter Beliebtheit bei gekrönten Häuptern erfreute und auch im prächtigen Versailles in großer Menge verbaut wurde, wird heute nur noch wenig Marmor in Caunes-Minervois gebrochen. Die geringen Mengen finden hauptsächlich Absatz im Nahen Osten, wo sie Protzbauten schmücken. Dementsprechend wurde auch die alte Bahnlinie stillgelegt, und die Gleise wurden entfernt. Statt eiserner Räder rollen jetzt Stollenreifen über den Bahndamm. Alte Viadukte und eiserne Brückenkonstruktionen fliegen vorbei, als wir mit unseren Adventure Bikes die aussichtsreiche Strecke entlangbrausen.

Wilde Bergwelt

Die Montagne d’Alaric ist sozusagen der Hausberg von Moux. Während er uns bislang mit seinem enduristischen Potenzial begeistert hat, zeigt er sich heute von seiner touristischen Seite. Zunächst nehmen wir eine schön geschwungene Passstraße in Angriff, um im weiteren Verlauf der Route in langgezogenen Kurven durch die Gorges de Congoust zu cruisen. Die häufig senkrechten Felswände aus weißem Kalkstein haben sich in der Morgensonne bereits erwärmt. Mauersegler nutzen die Thermik für ihre akrobatischen Flugkunststücke.
Bis Thézan bleiben wir dem Asphalt noch treu, dann führt uns Lothar wieder auf Wege, die dem wahren Wesen unserer Adventure Bikes entsprechen. Von Thézan aus erklimmen wir ein mit dichter Macchia bewachsenes Hochplateau. Die Fläche ist mit einem engen Netz geschotterter Wege unterschiedlicher Qualität durchzogen. Ein Pfad der eher rustikalen Sorte bringt uns schließlich zum Cirque de Vivies. Als Cirques werden in Südfrankreich nicht nur die spektakulären 180-Grad-Flussschleifen, wie sie von Ardèche und Tarn bekannt sind, bezeichnet, sondern allgemein auch amphitheaterartige Felsabbrüche. Vorsichtig tasten sich einige Fahrer mit ihren Enduros an die Kante heran, während die weniger schwindelfreien Kollegen einen Respektsabstand von der senkrecht abfallenden Wand halten. Das Wenden ist angesichts der Exponiertheit des Geländes selbstverständlich Teamarbeit.
Zurück auf einer breiteren Piste, lassen wir den Maschinen freien Auslauf. Über eine gehörige Strecke begleitet uns eine kleine Herde Pferde in vollem Galopp.
Bei Fontjoncouse verlassen wir das Plateau und damit auch den Schotter. Über Villesèque-des-Corbières schlängeln wir uns auf einer kaum befahrenen Straße durch eine einsame, leicht bergige Landschaft.

Auf dem »Rallye-Plateau«

Und wieder liegt die Motorsporthistorie geradezu in der Luft. In den Jahren, als die Rally Dakar tatsächlich noch in die senegalesische Hauptstadt führte, fanden die Prologe auf dem riesigen, von Schotterpisten durchzogenen Areal von Château de Lastours statt. Rallye Trucks, die fetten Buggys von Peterhansel & Co. und natürlich die zweirädrigen Boliden von Meoni und Sainct – Gott hab‘ sie selig – polterten unter begeisterter Anteilnahme der Bewohner durch die Ortschaften.
Heute ist es ruhiger in Château de Lastours. Stellt man den Motor ab, ist nur das Flapp-Flapp-Flapp der Windkraftanlagen zu hören. Nur hin und wieder mieten Auto- oder Motorradhersteller das private Areal für Offroadtests oder Presseveranstaltungen.
Auch uns dienen die langgezogenen Schotterbahnen als Location für Produktfotografie und Videodrehs. Kamera- und Filmcrew haben in dem weitläufigen Terrain ideale Bedingungen für ihre Aufnahmen. Bike-to-Bike kann auf den breiten Pisten ebenso geschossen werden wie mit langer Brennweite auf die Distanz.
Doch es gibt auch Leute im Team, denen die Bedingungen so schön langsam zu ideal werden. Und das sind die Testfahrer. Mit sechzig Sachen auf dem Gravel Highway stur geradeausfahren, das kann auf Dauer langweilig sein.
Mit Lothar haben wir jedoch den Mann dabei, der Abhilfe weiß. Er kennt die Gegend einfach wie die sprichwörtliche Westentasche, und zu seinen Spezialitäten gehören die ganz kleinen, die versteckten Wege. Strecken, auf denen nicht Motorleistung, sondern Geschicklichkeit gefragt ist. Als Belohnung für das geduldige Formationsfahren darf sich das ganze Team nochmal so richtig auf einer anspruchsvollen Single-Track-Passage verausgaben.
Die schweren Motorräder über die engen Trails zu treiben, hat durchaus an der Kondition des einen oder anderen Fahrers gezerrt, so dass Lothars Vorschlag, eine längere Straßenetappe in die Tour einzuschalten, gerne angenommen wird. Die Verkehrsdichte auf den kurvenreichen Landstraßen ist paradiesisch gering. Oft vergehen 10 Minuten und mehr, ohne dass wir einem anderen Fahrzeug begegnen. Herrlich entspannt lassen wir die Maschinen durch die spätnachmittaglich besonnten Hügel rollen.

Bis ans Meer und zurück

Gleich mehrere Pässe hält die Strecke des nächsten Tages für uns bereit. Allerdings wissen die Straßenschilder nur bescheidene 100, 200 oder 350 Meter Meereshöhe für die »Cols« zu vermelden. Dementsprechend gibt es hier auch keine Serpentinen alpiner Dimensionen, dafür aber flüssig zu fahrende Kurven auf griffigem Asphalt, die wir mit den wendigen Adventure Bikes flott durchzirkeln.
Von einer dieser bescheidenen Anhöhen tut sich schließlich der Blick aufs Mittelmeer auf, das sich hinter einem topfebenen Küstenstreifen erstreckt. Über ein System von Dämmen, zwischen denen sich Becken zur Salzgewinnung befinden, erreichen wir schließlich den Strand. Ein eiskalter Wind bläst uns in die Helme, doch sind wir mit unserer modernen Fahrerausstattung noch besser dran, als ein paar unerschrockene Surfer. Mit Kraft und Geschick nutzen sie den starken, gleichmäßig blasenden Wind, um mit spektakulärem Tempo über die Wellen zu gleiten.
Mehr als ein halbes Dutzend Menschen findet sich bei dieser Witterung nicht an dem kilometerlangen Strand. Beste Bedingungen also, um die Sandtauglichkeit unserer Motorräder zu erproben. Nach ein paar Eingewöhnungsrunden wächst das Zutrauen, und wir gleiten im Formationsflug über die riesige Sandfläche.
Lothar setzt den Sandspielereien schließlich ein Ende. Und er hat überzeugende Argumente. Schließlich möchte er uns heute noch ein weit entferntes Highlight der Region zeigen: Eine im Wald versteckte Endurostrecke mit spektakulärem rotem Boden. Wir ahnen es schon: Das Trainingsgelände von Saint-Laurent-de-la-Cabrerisse.

Kategorie: Adventure | Travel, News