Quer durch


Gemeinsam mit einem Reisepartner hat Helge Bertling die gut 15.000 Kilometer lange Strecke von der mongolischen Hauptstadt Ulan Bator nach Deutschland bewältigt. Ewig lange Tagesetappen und extreme Straßenbedingungen machten die Reise quer durch Eurasien zur Belastungsprobe.

Acht Uhr morgens, die Sonne lugt über den Horizont des wolkenlosen Himmels, Kälte kriecht in unsere Glieder. In diesem Moment wird mir klar: Wir sind da! In Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei. Jetzt müssen wir nur noch unsere Motorräder zusammenbauen und beladen, und dann wird es westwärts gehen, über 98 Längengrade…

Meinen Reisepartner Dennis habe ich eigentlich per Zufall kennengelernt. Er wurde mir wegen einer Frage zur Route Route de Sel empfohlen. Über diese Route wusste er zwar nichts, wir blieben aber in Kontakt. Dennis berichtete mir von seinen Plänen, den Baikalsee zu besuchen. Je mehr ich darüber hörte, desto mehr wurde mir klar: Da muss ich auch hin.

In Moskau standen wir uns dann das erste Mal gegenüber. Nun sind wir hier.

Die Motorräder haben wir mit vier Wochen Vorsprung auf die Reise geschickt, zwei Tage vor uns kamen sie an. Mit jeder Menge Zubehör haben wir die Maschinen auf die große Herausforderung vorbereitet. Protektion und Stauraum spielten eine große Rolle, denn für die langen Etappen ohne Versorgungsmöglichkeiten benötigten wir viel Sprit, Öl, Wasser, Werkzeug und Essen an Bord. Insgesamt 60 Kilogramm Gepäck haben wir an Bord unserer Motorräder.

Noch ein Blick aufs GPS, randvoll mit OSM-Karten, die Maschinen gestartet und wir nehmen Kurs auf den Baikalsee.

Die erste Etappe beenden wir kurz hinter der russischen Grenze in Dachran, ein weiterer Fahrtag, und wir stehen am Ufer des Baikalsees. Damit haben wir das eigentliche Ziel der Reise nach zwei Etappen erreicht, jetzt müssen wir nur noch nach Hause fahren. Doch dieses »nur« wird sich bald relativieren.

Auf eine Umrundung des Baikalsees verzichten wir. Die Osthälfte ist weitgehend von Bergen umschlossen, eine Uferstraße gibt es hier nicht, der erforderliche Umweg hätte weitere 1500 Kilometer bedeutet.

Einen kleinen Abstecher nach Osten machen wir jedoch und lernen Kirill und Victor kennen. Sie haben eine Datsche auf einer Landzunge. Kirill – Lehrer, perfektes Deutsch – lädt uns ein zu frisch gefangenem, rohem Baikal-Fisch, frischem Brot und Bratkartoffeln. Victor kocht.

Die weitere Fahrt durch Sibirien verläuft ereignislos: Birken, Birken und ... Birken. Für Abwechslung sorgt unser Treffen mit Igor in Tayshet. Wir haben ihn auf Facebook kennengelernt, und er hat uns zu sich eingeladen. Wir verbringen einen schönen Abend mit guten Gesprächen bei ihm.

Die russische Polizei hat uns stets in Ruhe gelassen. Doch als ich einmal falsch überhole, werde ich heraus gewinkt. Ich habe zwar zwei Führerscheine dabei, weiß – nervös wie ich bin – aber nicht mehr wo. Ich gebe dem Beamten stattdessen den Personalausweis.

Nach sachkundiger Überprüfung aller dort eingetragenen Fahrerlaubnisse und einem ermahnenden Blick dürfen wir weiter. Puh!

Der Zustand der Straßen im Osten ist eine echte Herausforderung. Anstatt in die herrliche Landschaft muss der Blick konstant auf die Kraterlandschaft aus Asphalt gerichtet sein, sonst kann die Reise schneller als geplant zu Ende sein.

Schlimmer noch als die Straßen ist die kasachische Polizei, die sich als Abzockerbande mit Pseudo-Bußgeld-Listen zu Pseudo-Vergehen entpuppt. Da kommt Maksim gerade recht, den wir in Almaty kennenlernen. Maksim fühlt sich berufen, die Ehre seines Landes hochzuhalten, und organisiert ein Treffen mit Bikern, die uns durch Usbekistan helfen.

Die weitere Route führt uns durch den Sharyn Canyon nach Kirgistan, vorbei am Issyk Kul nach Tash-Rabat. Ab jetzt beginnt sich das Unheil an unsere Fersen zu heften. Den Anfang macht – noch relativ harmlos – ein gebrochenes Blech an meiner GS, das das ABS Kabel kappt. Dank Heißkleber hält die Reparatur bis nach Hause.

Als Tagesetappe hatten wir die 430 Kilometer von Tash-Rabat nach Osh eingeplant. Gebraucht haben wir drei Tage. Drei Tage, in denen wir uns über abgerutschte Straßen zwängen und Bergrutsche in Höhen zwischen 2500 und 3400 Metern Seehöhe überwinden müssen. Fünf Bergrutsche können wir meister, im sechsten bleiben wir stecken. Es bleibt uns nichts übrig, als einen Hilferuf über Satellit abzusetzen. Bereits am nächsten Morgen befreit uns das kirgisische Militär aus unserer misslichen Lage. Sogar die lokale Presse berichtet über unser Malheur. Nun kennt man uns auf der Straße.

Viel Zeit bleibt uns nicht, unsere Wunden zu lecken. 700 Kilometer müssen wir bis Samarkand zurücklegen. Hier lernen wir, wie schlecht die wirtschaftliche Lage in Usbekistan ist. Sprit gibt es fast nur auf dem Schwarzmarkt, die Währung unterliegt einer gewaltigen Inflation. Nichtsdestotrotz begegnen wir ausgesprochen freundlichen Menschen.

Statt einer Fährpassage über das Kaspische Meer wählen wir den Landweg drumherum durch Kasachstan und Russland. Wir fahren durch geschundenen Landschaften kommen an Baikonur und Aralsk vorbei.

In Saratow müssen wir einen fünftägigen Zwangsstopp einlegen: Kugellagerschaden. Doch während ADAC, BMW und TNT am russischen Zoll scheitern schaffen die begnadeten russischen Schrauber Sasha und Arika Original-Ersatz und führen die Reparatur durch. Nicht das erste Mal auf dieser Reise erfahren wir vorbehaltlose Hilfsbereitschaft.

Kaum raus aus Saratow ist die Gabel an der Twin undicht. Und wieder sind russische Engel am Werk – nach vier Stunden kann die Fahrt weitergehen.

Nach einer irrwitzigen Fahrt durch zwei der Moskauer-Ringe fressen wir die Kilometer bis Klaipeda, um dort gerade noch die Fähre nach Hause zu erwischen.

 

 

 

Reiseinformationen

Motorrad-Transport

Per Luftfracht mit der Spedition LOXX Pan Europa nach Ulan-Bator. Eine tolle Betreuung und ein guter Preis machen diesen Weg zur besten Wahl für die Strecke. www.pan-europa.de

 

Verzollung und Einreise / Visa

Für die Einfuhr in die Mongolei ist ein Carnet de Passage erforderlich, das vom ADAC ausgestellt werden kann. Unterwegs haben wir die Einfuhr jeweils beim Grenzübertritt abgewickelt.

Über die aktuellen Visaanforderungen in den bereisten Ländern informiert das Auswärtige Amt. Bei der Visabeschaffung hilft die Spomer GmbH in Bad Honnef.

www.adac.de

www.auswaertiges-amt.de/länderinformationen

www.visum.net

 

Karten

Reise Know-how Landkarte Zentralasien (1:1.700.000), ISBN 978-3831773671

Reise Know-how Landkarte Russland - vom Ural zum Baikalsee (1:2.000.000), ISBN 978-3831773794

Reise Know-how Landkarte Kasachstan (1:2.000.000), ISBN 978-3831773633

Reise Know-how Landkarte Baikalsee (1:550.000), ISBN 978-3831773916

 

Kategorie: Adventure | Travel