Piemont – Ligurien Oktober 2018


++Bild&Text: Prof. Michael Hoyer++ Du bist, was Du erlebst. Diesen coolen Spruch habe ich bei einem großen Veranstalter von exklusiven Reisen gelesen und dachte mir spontan: Stimmt. Aus diesem Grunde wollte ich im Herbst diesen Jahres noch einmal etwas erleben, damit ich gut über die mopedfreie Zeit im Winter komme.

Meine Reisebegleiterin für diese Offroad-Reise ist eine Triumph Tiger XCX. Ein agiles Motorrad mit vielen Offroad-Genen, 800 ccm und 95 wütenden PS, die konstant an der Kette zerren. Ein wirklich schönes Moped, welches von Touratech für den harten Offroad-Einsatz bestens ausgestattet ist.

Obwohl das Reiseziel für diese Tour die ligurische Küste lautet, setze ich den Blinker im entscheidenden Augenblick erst einmal zu meinem persönlichen Lieblingsgebiet: das Piemont. Schnell bin ich über die knapp 600 Kilometer im italienischen Bardonecchia angekommen und fahre noch am ersten Tag auf meinen absoluten Lieblingsberg. Ich habe aufgehört zu zählen, wie häufig ich nun hier heroben auf dem Monte Jafferau mit einer Enduro stand – aber jedes Mal ist das Bergpanorama von hier oben überwältigend. Dieser Gipfel mit seinem Gipfelfort ist eines der beliebtesten Ziele für Endurofahrer. Die 22 Kilometer lange Mont-Jafferau-Befahrung zählt zu den Höhepunkten im Gebiet westlich von Bardonecchia. Die Tour auf den Mont Jafferau, westlich von Bardonecchia gelegen, zählt zu den schönsten Offroadtouren im gesamten Piemont – Höhenrausch inklusive. Dieser Berg ragt mit seinen knapp 2800 Höhenmetern weit über die benachbarten Berge hinaus – nur am Horizont, da stehen der Mont Chaberton und einige weitere Bergriesen jenseits der 3000-Meter Höhengemarkung.
Da es bereits spät im Jahr ist, habe ich bei der Abfahrt ein tatsächliches Problem: Eine Kuhherde hat sich verirrt und steht ziemlich ratlos mitten auf dem Weg. Lautes Hupen nutzt nicht – heranfahren an die Herde nutzt nichts – lautes Rufen nutzt nichts – Achtung – in der Herde sind auch Kälber… Was nun…? Es hilft nichts – ich muss tatsächlich vom Motorrad absteigen und die Kühe mit körperlichem Einsatz vom Weg weglotsen… Nichts für schwache Nerven – schließlich liest man immer wieder, dass Kühe nicht ungefährlich sind…

Am nächsten Tag wartet bereits kurz nach Sonnenaufgang ein weiteres Highlight auf mich. Auch hier kann ich sagen: Ja, der Berg und ich kennen uns. Der Col de Sommeiller ist ein Pass in den italienischen Alpen im Piemont. Er befindet sich im Mont-Cenis-Massiv auf der Grenze zwischen Frankreich und Italien in der Nähe des Mont-Cenis-Tunnels. Das Besondere an dem Pass ist die Tatsache, dass es sich, nachdem die Zufahrt zum Mont Chaberton um das Jahr 2000 herum endgültig gesperrt wurde, bei dem auf 2996 Metern kurz unterhalb der Passhöhe liegenden Hochplateau bis zum Juni 2007 um den höchsten Punkt in den Alpen handelte, der legal von zweispurigen Fahrzeugen angefahren werden konnte – nun ist dies die Bergstation des Bontadini-Lifts nahe Cervinia, welche jedoch nur zu bestimmten Veranstaltungen für den Verkehr freigegeben ist.
Der Pass ist benannt nach dem italienischen Ingenieur Germain Sommeiller, der u.a. für den Bau des 12 km langen Fréjus-Tunnels zwischen Bardonecchia (Italien) und Modane (Frankreich) verantwortlich ist.

Die Zufahrt zum Col de Sommeiller ist heute nur noch mit geländetauglichen Fahrzeugen möglich. Die grob geschotterte, teilweise sehr schmale Straße liegt in einem hochalpinen Umfeld, so dass eine Befahrung nur routinierten Fahrern vorbehalten sein sollte.

Der Blick von diesem Berg geht bis fast ins Unendliche. Ich könnte den ganzen Tag hier oben verbringen, wenn nicht noch viele weitere Offroad-Attraktionen in den kommenden Tagen auf mich warten würden. So entschließe ich mich zum Mittagessen wieder in Bardonecchia zu sein – um anschließend einige Autobahnkilometer in Richtung ligurische Küste unter die Stollenreifen zu nehmen.

Immer wieder staune ich, was diese Reise-Enduros so alles können. Gerade noch im top-anspruchsvollen Gelände am Sommeiller, schnurrt der Drei-Zylinder gemächlich über die italienische Autostrada nach Albenga.

Dort angekommen treffe ich mich in diesem wunderschönen Touristenort an der ligurischen Küste mit meinem Freund Ulrich. Bei einem Cafe Coretto sinnieren wir darüber, wie es wohl hier im Sommer vor Touristen nur so wimmelt. Anfang Oktober ist nicht nur der Strand menschenleer – viele Hotels haben bereits geschlossen. Uns kann es nur Recht sein – auf uns warten nun viele wunderbare Offroad-Kilometer im ligurischen Hinterland.

Ligurien ist in vielen Bereichen einzigartig. Die italienische Küche, die malerischen Ortschaften und die extrem steilen, teilweise sehr anspruchsvollen Offroadpisten lassen das Adrenalin in den Adern pulsieren. Gleich am ersten Tag müssen wir zwei Touren abbrechen. Das erste Mal strecken wir am Monte Monega den Gashahn und die Kupplung. Ein Erdrutsch im steilen Gelände macht die Weiterfahrt zum Gipfel unpassierbar. Am Nachmittag geraten wir in einen Hagelsturm am Colli di Nava. Das ist zwar einerseits nicht so schlimm, da sich in unserer Nähe eine Albergro befindet. Drei Stunden ausharren bei Gewitter, Blitz, Hagel und anschließendem Schnee (und das im Oktober in Ligurien) sind nicht so angenehm.

Am nächsten Tag erwartet uns dafür Kaiserwetter – es ist zwar kalt geworden, aber die Sonne scheint und die Berge im Hinterland sind alle mit Schnee bedeckt. Der bekannte Colle San Bernardo, an dem die gleichnamige Quelle entspringt ist nur einen Katzensprung von einem der malerischsten ligurischen Bergdörfer entfernt: Zuccarello. Da zu dieser Jahreszeit keine Touristen mehr unterwegs sind, gehört das Städtchen uns. Es ist schon erstaunlich, wie einsam diese Gegend sein kann – am Colle Caprauna haben wir das Gefühl, die einzigen Lebewesen in einer grandiosen Natur mit Fernblick auf das Meer zu sein.

Das italienische Lebensgefühl zieht mich immer wieder nach Italien. Deutsche, Österreicher, Schweizer, etc. schütteln ja immer den Kopf, wenn ich erzähle, dass ich sehr viel in Italien und Frankreich in den Bergen und dem Gebirge Offroad-Motorrad fahre. Ich nenne das immer Enduro-Wandern. Ganz anders ist die Einstellung der Italiener zu Enduristen. Erspähen sie uns, kommen sie stets freundlich lachend auf uns zu, fragen, woher wir kommen und wohin wir wollen. Ein anerkennender Stoß auf die Schulter und die Geste „Daumen nach oben“ signalisieren höchste Anerkennung. Und wenn man dann mit den Einheimischen ins Gespräch kommt, dann sagen sie einem häufig, dass man auch noch auf diesen oder jenen Gipfel fahren müsse – da sei die Sicht zum Meer noch gewaltiger…

Am nächsten Tag steht die Madonna del Monte – eine kleine Bergkapelle auf knapp 2000 Metern Höhe auf dem Programm. Die Anfahrt ist mehr als anspruchsvoll. Das Unwetter vor zwei Tagen hat nicht nur den ganzen Boden aufgeweicht und für viele Schlammlawinen gesorgt – viele junge Bäume und Äste sind abgeknickt und machen das Vorankommenden in den Wäldern sehr schwierig. So manches Mal müssen wir die Maschinen schieben und ich bin wirklich froh, dass ich nicht alleine reise, sondern meinen Freund an meiner Seite weiß.

Die Touren in Ligurien sind größtenteils in Bezug auf die Schwierigkeit unberechenbar. Die schmalen Pfade und Pisten verändern sich nach jeder Saison und nach jedem Unwetter ihre Beschaffenheit und Befahrbarkeit. Was uns am Vormittag noch viel Schweiß und Mut abgefordert hat, wird am Nachmittag am Collo di Nava mit genüsslichem Mopedfahren auf Asphalt mit engen Kurvenradien wettgemacht. Wir jagen mit unseren Boliden in Richtung Küste in den wohl bekanntesten Touristenort: Alassio. Auf der Strandpromenade fallen wir natürlich mit unseren Compagnero-Motorradanzügen extrem auf – und hier gibt es auch noch Touristen. Viele deutsche Rentner sind hier. Als wir ein großes Schild mit der Aufschrift: Kaffee Haag sehen, beschließen wir schnell diesen Ort zu verlassen und in den nahen Bergen noch einen wunderbaren Espresso zu trinken.

Bei jeder Tour gibt es immer ein Highlight. Der Höhepunkt dieser Offroadtour bildet die Anfahrt auf den Monte Saccarello am ligurischen Grenzkamm. Von dem Küstenort Albenga aus (hier haben wir die ganze Woche in einem sehr eleganten und bikerfreundlichen Hotel direkt am Strand gewohnt) fahren wir über kleinste Asphaltsträßchen nach Monesi. Von hier aus geht es über den Colle de Garezzo auf den Monte Saccarello. Auch hier habe ich irgendwie aufgehört zu zählen, wie häufig ich diesen Berg unter die Stollen genommen habe. Jedes Mal bin ich total fasziniert von dem ergreifenden Fernblick, den man von diesem Gipfel aus über Ligurien hat. Der Monte Saccarello ist eine der Schlüsselstellen bei der Befahrung des Ligurischen Grenzkamms – hier wird es tatsächlich für manchen Fahrer zu einer echten Herausforderung das Moped bis ganz hinauf zu den Bunkeranlagen zu fahren.

Mit viel Adrenalin und reichlich Endorphinen kommen wir abends wieder an der Küste an – man ahnt, der Grappa schmeckt auch an diesem Abend besonders gut.

Unser letzter Tag in Ligurien steht noch einmal im Zeichen vieler Überraschungen. Die Befahrung der kleinen Militärstraße Conoscente von Menosio zum Fort Rocca Livernano fordert uns alles ab. Der Schotter auf dieser Piste ist gewaltig groß und sehr ruppig. Und wieder erleben wir ein Kontrastprogramm par excellence: Die Tour am Nachmittag zum Colle del Termini ist nicht nur landschaftlich grandios sondern gipfelt zum Schluss mit steilen Stichauffahrten bei ca. 25 – 30 Prozent Steigung. Hier sind wir allerdings nicht alleine – eine riesige Kuhherde wird von mehreren Bauern zusammengetrieben. Diese Kühe haben den Sommer in den Bergen verbracht und werden in den kommenden Tagen ins Tal getrieben.

Unsere nächsten Tage werden auch anders. Bereits in zwei Tagen warten der Schreibtisch und die Arbeit im Schwarzwald auf mich. Wieder einmal betrachte ich unsere Mopeds. Diese klettergewaltigen Enduros mit groben Stollenreifen düsen die knapp 700 Kilometer von Ligurien bis in den Schwarzwald mit drei Tankstopps und ebenso vielen Kaffeepausen ohne Murren und Knurren nach Hause. Das Murren und Knurren kommt aber von uns Fahrern – wissen wir doch, dass in wenigen Tagen bereits die ersten Schneeflocken fallen können und dann die große Zeit der Enduro-Abstinenz beginnt. Aber – die Offroad-Pläne für das nächste Jahr sind bereits gemacht – Montenegro und Andorra warten auf mich.

 
 
 
 
 
Kategorie: Adventure | Travel