Urlaubsmarathon


Gleich zwei Urlaube will Dirk Schäfer aneinander hängen. Dumm nur, dass seine Reisegefährten ganz unterschiedliche Ziele ausbaldowert haben. Da hilft nichts, außer Sitzfleisch und das Vor-Diplom zum Iron-Butt.

Das TOURATECH 1000 km Bike

Gleich zwei Urlaube will Dirk Schäfer aneinander hängen. Dumm nur, dass seine Reisegefährten ganz unterschiedliche Ziele ausbaldowert haben. Da hilft nichts, außer Sitzfleisch und das Vor-Diplom zum Iron-Butt.

Wann hat man das schon mal?

Zwei Wochen Ferien und gleich zweimal Urlaub. Am Stück! Mein einziges Problem ist zugegeben ein Luxusproblem: Beide Urlaube, also je eine Woche, werde ich mit Freunden verbringen. Nein, die Freunde sind nicht das Problem. Das Problem ist, dass es unterschiedliche Freunde sind, die ich an unterschiedlichen Orten treffen werde. Die ersten beiden, Thierry und Raoul, erwarten mich in den Dolomiten. Gemeinsam wollen wir den italienischen Stiefel bis zum Absatz bereisen, nach Kroatien übersetzen und in Split ein Abschiedsbier trinken.

Treffpunkt Nummer 2 mit meinen Kumpels aus dem Ruhrpott liegt in Griechenland: Igoumenitsa. Das neue Reiseteam will zum Olymp, und an die Ägäis. Zwischen meinem Bier in Split und dem Kaffee in Igoumenitsa liegen, Bosnien, Montenegro, Albanien, 800 Kilometer und maximal ein Tag Reisezeit. Das wird knapp. Stress? Ich glaube nicht. Ich mag lange Etappen. Und ich habe ein echtes Marathon-Bike unter dem Hintern: Die TT1000, eine F800GS Adventure mit Zusatztank. 44 Liter Sprit an Bord sollten für 1000 Kilometer ohne Tankstopp reichen.

Der erste Test ist harmlos: Per Autobahn schrubbe ich die erste Etappe vom Ruhrgebiet bis Pieve di Cadore in den Dolomiten ab. Den Tank reize ich nicht ganz aus: Das kleine Preisgefälle zwischen den Spritsäulen Österreichs und Italiens lässt mich schon nach 742 Klickern im Tachogehäuse nachtanken. 41 Cent Unterschied mal 36 Liter macht fast 15 Euro. Ich glaube nicht an „Geiz ist geil“, aber die 15 Taler sind beim Wiedersehen mit Thierry und Raoul besser aufgehoben. Die ersten zwei Runden gehen auf mich!

Die Drei Zinnen sind tief verschneit.

Auf dem legendären Passo di Giau herrscht die Sicht einer Dampfsaune Dazu taumeln die Temperaturen im Bereich eines gerade angetauten Wassereises. Da finden sich wenige Gründe, länger als nötig zu bleiben. In Umbriens Postkartenlandschaft sieht’s da schon ganz anders aus. Die Straßenführung ist latent abenteuerlich, das Klima sonnenschirmtauglich. Jetzt fällt mir zum ersten Mal auf, wie oft Raoul mit seiner eigentlich sparsamen Serien-800’er zum Nachzapfen muss. Ich glaube, vor Rom muss brauche ich keinen frischen Sprit mehr. Während Raoul tankt, zapfen Thierry und ich schon zwei Espresso und einen Cappucino für uns und den Tanker.

Die Abruzzen, herrlich! Die Hügel wie von alten Billardtüchern überspannt, die Dörfer wie für Nudelsoßenwerbung zurechtgemacht. Die Bikes brummen lässig über Kuppen. Durch die Helme weht der Duft von Ginsterwolken. Italien, Dein Sommer ist traumhaft! Eher alptraumhaft: Der Verkehr in Rom. Wir bugsieren uns eine gefühlte Ewigkeit durch die ewigen Staus in der ewigen Stadt. Der Vorteil: Im Stau bleibt Zeit zum „Zeit-seeing“. Vielen scheint die Zeit davon zu rennen, allen voran den Scooter-Fahrern. Wir würden cool bleiben. Wenn’s nicht so heiß wäre!

Das war eine kurze Nacht.

Auf der Höhe von Capri drehen wir bei, kreuzen den Apennin hinüber zur türkisen Adria und rollen im Hafen von Bari auf die Fähre nach Dubrovnik. Der nächste morgen beschenkt uns: Links die milden Wellen der Adria, rechts das zerklüftete Küstengebirge und voraus die geschmeidigsten Kurven. Fast zu schade für Enduros. Fast. Helle Schatten voller Wärme legen sich über Split. In der Altstadt spielen Bands, Straßenrestaurants fischen nach Kundschaft. Wir haben Hunger. Und brauchen ein Abschiedsbier.

Das war eine kurze Nacht: Die Straßenlaternen von Kroatiens zweitgrößter Stadt werden gerade ausgeschaltet, als ich zu meiner Mammutetappe aufbreche. Schnell noch volltanken und ab geht’s auf 800 Kilometern Landstraße nach Griechenland. Im Gepäck: Zwei Sandwichs, Kekse und zwei Flaschen Wasser. Bis zum Sonnenuntergang möchte ich in Griechenland sein. Denn, auch wenn ich Albanien sehr schätze, in der Dunkelheit fährt man nur noch nach Gehör.
Vier Grenzen habe ich schon abgestempelt, als mich eine Unruhe packt. Wie lange hat der albanische Zoll in Konispol eigentlich geöffnet? Als hätte mein Unterbewusstsein auf die Öffnungszeiten des Zolls geschaut: Die Beamten packen schon die Aktentaschen. Ob sie mich noch abfertigen, will ich wissen. „No problem“, tönt es hinter der Aktentasche hervor und schon tackert der Ausreisestempel seine grüne Tinte in meinen Pass. Eine halbe Stunde später nicke ich am Strand von Strovili ein. Ich hatte noch Energie genug, den Schlafsack rauszukramen. Für das Zelt hat’s nicht mehr gereicht. Wozu auch bei 23°C?

Eigentlich kein großes Ding.

Begrüßungskaffee im Hafen von Igoumenitsa: Alles hat perfekt gepasst. Das Timing mit den Freunden, der Kaffee. Nur der liebe Wettergott macht nicht richtig mit. Auf den Pisten im Pindosgebirge schüttet er eine seit Jahren einmalige Ladung Wasser aus. Pisten werden zu Bächen, Bäche zu Flüssen. Hier fuschelt aber nicht nur mein voluminöser Dampfer nervös herum. Auch die Einzylinder der lieben Freunde wollen durch Flussbetten geschoben und über Felsen bugsiert werden. Gibt’s eigentlich nur diesen Weg zum Olymp?

Einen Tag später sind die Stiefel immer noch regennass. Im Rückspiegel strahlt der silberne Olymp unter einem makellosen Himmel. Am Horizont schimmert die Ägais mit ihren Inselchen. Irgendwo da werden wir uns trockenlegen und über die Heimreise sinnieren. Eigentlich kein großes Ding. Wenn ich die Fähre von Igoumenitsa nach Ancona mitrechne: Zweimal tanken.

Categoria: Adventure | Travel