STELLA ALPINA - Ein Familienabenteuer


Text und Fotos: Vincent Lamille

Man muss nicht weit reisen, um großartige Momente zu erleben.

Davon konnte sich diesen Sommer in den Alpen der französische Touratech-Importeur überzeugen, als er mit seiner Familie und im Motorrad mit Beiwagen zur 50. Stella Alpina fuhr, um dann eine der höchsten befahrbaren Pisten Europas zu erklimmen. Im Laufe der Jahre haben Sie sich daran gewöhnt, in diesem Katalog Berichte von außergewöhnlichen Reisen ans andere Ende der Welt vorzufinden. Diese Berichte laden schon deshalb zum Träumen ein, weil nur die wenigsten unter Ihnen jemals eine solche Reise unternehmen können. Den anderen fehlt es an Zeit oder Geld oder schlicht und einfach an der notwendigen Motivation. Aber dennoch werden die Berichte ihr Ziel erreicht haben: den unbändigen Wunsch auf eine Motorradreise in Ihwnen zu wecken. Dabei ist es gar nicht nötig, Tausende von Kilometern zurückzulegen, um Abwechslung zu finden und das Abenteuer zu erleben. Das haben auch wir zum wiederholten Male festgestellt, letzten Sommer, an einem verlängerten Wochenende in den Alpen.

Für einen Europäer haben die Alpen auf den ersten Blick eigentlich nichts besonders Exotisches an sich. Und dennoch... Um zu verreisen, braucht es oftmals nur irgendeinen Auslöser, einen Vorwand. Zum Beispiel hört man zufällig, dass jemand über die 50. Stella Alpina redet, ein Treffen, das am zweiten Juliwochenende im italienischen Piemont stattfinden soll. Die lange Tradition des Treffens weckt sogleich die Neugier, die dann aber rasch durch eine andere Feststellung empfindlich getroffen wird: Kann es tatsächlich sein, dass das Schlüsselwort «Stella Alpina» auf keine offizielle Webseite verweist? Und das heutzutage, wo jeder kleine Ausflug durch Sammeln von möglichst vielen Informationen aus dem Internet geplant wird! Doch beim weiteren Recherchieren stellt sich in der Tat heraus, dass alleine die Mund-zu-Mund-Propaganda den Fortbestand des Treffens sichert.

Die Versuchung mitzumachen wird dann doch zu groß. Insbesondere für Yvon und Dominique Bodelot, die sich in den 15 Jahren ihrer Tätigkeit als Touratech-Importeure in Frankreich so gut wie nie Urlaub gegönnt haben. Und da das Wochenende des Motorradtreffens auch noch mit dem Nationalfeiertag am 14. Juli zusammentrifft, wagen sie etwas ganz Neues: Sie schließen das Geschäft für ein Brückenwochenende. Eine letzte, für manch einen unbezwingbare Hürde gilt es noch zu überwinden: Wohin mit den drei Kindern des Paares, von denen das jüngste, die kleine Zoé-Lee, nur 20 Monate alt ist? Im Familienbeiwagen mitnehmen, ist doch klar!

Man muss sich nicht in der Wüste verirren, um kräftig ins Schwitzen zu kommen; es genügt, sich auf die Landstraße zu begeben, während in Frankreich gerade eine Hitzewarnung ausgegeben wurde. Für die Mama auf ihrem G 650 GS Sertão genauso wie für den Papa am Lenker des R 1200 GS mit Beiwagen wird die Fahrt durch die Provence bei 38°C dank des Belüftungssystems ihrer Compañero Motorradanzüge erträglich gemacht. Aber die Kinder werden auf eine harte Probe gestellt, auch wenn sie häufig zu Trinken bekommen. Lee-Lou, mit 9 Jahren die älteste der Kinder, befällt sogar ein leichtes Unwohlsein, sodass nach Briançon die relative Kühle des Col de l’Échelle als Erlösung empfunden wird. Nach einem wohlverdienten Eis in Bardonecchia, einer kleinen Stadt im Hochtal von Susa, wird es Zeit die Dinge ernsthaft anzupacken: Es gilt die Alm zu erreichen, die auf einer Höhe von 2.160 m als Hauptlager für das Treffen dient. Und es ist wohlbekannt, dass die Straße im Rochemolles-Tal nach Kilometer 7 bei trockenem Wetter sehr staubig wird.

Die Stella Alpina ist tatsächlich genauso, wie man sie uns beschrieben hatte: freier Zutritt, keine Organisatoren, kein Kommerz. Hier findet man nur das, was jeder der etwa 1.500 Teilnehmer gerne mitbringen wollte, nämlich sein Motorrad, sein Zelt, seine Vorräte und jede Menge schöne Geschichten zu erzählen. Wie zum Beispiel die von jenem Mann aus Turin, Mario Artusio, und diesem Engländer, Harry W. Louis, die auf dem höchsten mit dem Motorrad erreichbaren Ort ein internationales Treffen organisieren wollten. Sie nannten es «Stella Alpina» und seine Premiere fand im Juli 1966 auf dem 2.758 m hohen Stilfser Joch statt. Aber die beiden Freunde wussten noch nichts von der unbefestigten Piste auf den 2.993 m hohen Col de Sommeiller. Schon ein Jahr darauf wurde die Veranstaltung dann dorthin verlegt, wo sie seither jeden Sommer ganz informell stattfindet. Im Jahre 1980 hatten die italienischen Carabinieri vergeblich versucht, dem Treffen ein Ende zu setzen. Seit 2008 hat die Stadtverwaltung die Strecke an den Wochenenden für Kraftfahrzeuge gesperrt. Allerdings musste sie schließlich für das Wochenende der «Stella Alpina» einer Ausnahmeregelung zustimmen.

Traditionsgemäß machen sich am Sonntagmorgen die mutigsten Biker auf den Weg und versuchen den eigentlichen Pass zu bezwingen. In den 1970er Jahren gab es deutlich mehr Schnee und nur wenige der Fahrer mit ihren damals schweren Maschinen konnten sich rühmen, es geschafft zu haben. Zwei Faktoren sind seither dazugekommen, der eine erfreulich, der andere deutlich weniger: die Erfindung der Geländemaschinen und die Klimaerwärmung. Der Aufstieg ist nun einfacher, erfordert aber immer noch viel Geschick beim Lenken, vor allem bei einem Motorrad mit drei Rädern, das wegen seiner Breite schnell mal im Firnschnee stecken bleibt: Genau das ist passiert! «Ich mag es nicht, wenn du so nah am Rand fährst», gesteht der 7-jährige Léo-Paul.

Man muss jedoch eine eindrucksvolle Reihe von 16 Serpentinen hinter sich lassen, um schließlich auf dem Pian dei Morti zu landen. Nach diesem Gletscherriegel führt die 19 km lange Strecke durch eine Gesteinslandschaft wie in den Anden. Anschließend geht es wieder und wieder bergauf, bis zu einem allerletzten Hochplateau, das das Ende der Strecke markiert und nur knapp von der Grenze zu Frankreich entfernt ist. Jetzt können endlich die Motoren abgestellt werden. Nur das Flüstern des Windes ist noch zu hören, während man die freie Sicht auf die höchsten Gipfel im Oisans genießt. Danach bleibt keine andere Wahl als umzudrehen und sich auf dem noch beängstigenderen Rückweg nach unten den unzähligen Geröllsteinen und Haarnadelkurven dicht am Abgrund zu stellen, wohlwissend, dass das Wochenende noch nicht zu Ende ist und sich in der Region noch Dutzende andere Pisten derselben Art verbergen.

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