Tour de France


Teil 2: Westalpen – beyond the sky | Text und Fotos: Prof. Michael Hoyer

Die meisten Enduros bekommen ihr Mopedleben lang nur Asphalt unter die Reifen. Dabei gibt es in den West-Alpen durchaus abenteuerliche Schotterstrecken. Das Mekka für echter Offrader liegt im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Italien.

Gelände-Abenteuer an der Grenze des Fahrbaren sind in Deutschland fast nur noch in künstlich angelegten Offroad-Parks möglich. Den Nervenkitzel in freier Wildbahn findet der Offroad-Enthusiast in unseren Nachbarländern, etwa auf legal befahrbaren Schotterpisten im piemontesischen Valle di Susa, in der Maira Stura sowie der Maira Varaita. Im hochalpinen Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich wartet auf atemberaubend steilen Pfaden eines der größten Offroad-Abenteuer, das im durchzivilisierten Europa heute noch denkbar ist. Höhepunkt im norditalienischen Enduro-Mekka: Die Kammstraßen im Varaita-, Maira- und Stura-Tal sowie die spektakulären Auffahrten zum 2.801 Meter hohen Monte Jafferau sowie auf der Assietta-Kammstraße. Hier warten bis zu 20 Prozent Steigung auf extrem schmalen und teils abgebrochenen Pfaden.

Nur einen Katzensprung von Briançon entfernt liegt im italienischen Bardonecchia der erste Offroad-Hotspot. Angekommen in dem olympischen Dorf von 2006 geht die erste Fahrt gleich auf einen Alpenklassiker mit Weitblick-Garantie. Eines der beliebtesten Ziele für Endurofahrer ist der Monte Jafferau mit seinem Gipfelfort. Ob es nun daran liegt, dass der Monte Jafferau der erste wirklich hohe Berg war, den ich vor vielen Jahren in meiner Offroad-Karriere befahren habe, oder ob es schlicht die wunderschöne Anfahrt auf diesen knapp 3000 Meter hohen Berg ist, kann ich nicht sagen. Aber alleine der Name „Jafferau“ lässt automatisch einen zufriedenen Gesichtsausdruck bei mir entstehen.

Es existieren mehrere Anfahrtmöglichkeiten, u.a. von Salbertrand und Savoulx aus. An der Strecke liegt das Fort Pramand unterhalb des gleichnamigen Gipfels. Seit 2007 ist die Strecke ab dem Abzweig von der Piste zum Fort Foens unterhalb des Vin Vert (Bivio del Vin Vert) offiziell gesperrt, gleiches gilt für die Strecke zwischen Bardonecchia und dem Fort (Westan- bzw. -abfahrt über die Skipiste).

Das alte Militärsträßchen ist nicht leicht zu befahren. Grober – zum Teil sehr lockerer Schotter machen die Fahrt immer wieder spannend. Belohnt wird man als Endurist jedoch nach jeder Kurve bzw. Wegbiegung mit grandiosen Weit- und Ausblicken. Die Schwierigkeiten bei den zum Teil sehr anspruchsvollen Passagen im oberen Teil und dem langsamen Jonglieren über dicke Steine des Monte Jafferau macht die GS 1250 Word Travel Edition mit einer Bodenfreiheit von 250 mm sehr ordentlich. Schalten ist hier nicht nötig, der zweite Gang bleibt drin und ich tuckere um die vielen steilen Serpentinen mit wenig Drehzahl langsam herum.

Die Ausblicke in das Susa-Tal sind jedes Mal atemberaubend. Leider gelingt die Befahrung des Gipfels des Monte Jafferau dieses Jahr für mich nicht. Knapp 500 Höhenmeter unter dem Gipfelfort liegt in einer Nordhang-Kurve noch ein dickes Schneebrett. Reifenspuren von kleinen Enduros zeigen zwar, dass es bereits Alpenhelden gegeben hat, die sich hier Ihren Weg freigefräst haben – ich, als Einzelfahrer mit einer dicken Kuh namens GS 1250 (vollbeladen) traue mich da nicht rüber. Das ist jetzt für mich überhaupt nicht schlimm – der Weg ist das Ziel. Ich erinnere mich, dass ich übrigens genau an dieser Stelle vor einigen Jahren – ebenfalls im Juli auch schon einmal stand und auch nicht weitergekommen. Ja – die hohen Berge – sie sind immer wieder gut für Überraschungen.
Da ich nun um den Gipfelerfolg gekommen bin nehme rasch einen weiteren Alpenklassiker unter die Stollen. Ganz in der Nähe befindet sich ein Onroad-Juwel im Grenzgebiet.

Eine wunderbare Pizza Margaritha stärkt mich für die dritte Runde am heutigen Tag.

Die Anfahrt auf den Col de Fenestre ist eine ganz besondere Angelegenheit. Mäandert die Bergstraße von Susa aus kommend erst langsam und gemächlich die Berge hinauf, so verändert sich das Profil nach ca. einem Drittel Fahrstrecke gewaltig. Nun ist die Straße nur noch einspurig und windet sich kurvenreich den Berg hinauf. Irgendwann wird der Asphalt durch groben Schotter ersetzt und man befindet sich auf der legendären Auffahrt zum Col de Fenestre. Zum großen Rad-Giro-Italia 2005 war die Spannung groß: der unasphaltierte Colle delle Finestre war am letzten Bergtag im Programm. Extra für diesen Tag wurde die Südrampe von Pourriere asphaltiert, und die Nordrampe von Susa einer Generalüberholung unterzogen. Der Belag wurde bestmöglich gewalzt, und alle Anwärter auf das rosa Trikot überstanden die Auffahrt auf Naturstraße unbeschadet. Heute präsentiert sich die Nordrampe als ruppige Angelegenheit.

Klar – jedes Jahr fahren hier viele Hundert Offroad-Fahrer mit ihren Enduros den Berg hinauf. Ein Geschwindigkeitsbegrenzungsschild am Rand des Weges irritiert mich leicht. Da gibt es tatsächlich eine Reglementierung auf 30 km/h. So etwas – denke ich mich. Oben auf dem Fenestre angekommen wundere ich mich noch mehr. Es ist Sonntag – und es sind einige Radsportler, Wanderer und Motorradfahrer hier oben. Und ein Polizist ist auch da. Er hält ein mobiles Lasergerät in der Hand und winkt mir freundlich zu. „Vent-huit“ sagt er freundlich. Achtundzwanzig denke ich… Also tatsächlich – hier werden jetzt mobile Geschwindigkeitskontrollen durchgeführt und auch gleich geahndet.

Das kann empfindlich teuer werden. Ich frage den Polizisten, wer den der heutige Tagessieger sei. Er Antwort und lächelt dabei verschwörerisch, dass dies ein junger Österreicher sei, der mit 68 km/h auf der letzten Geraden von dem Gipfel gelasert worden sei. Zudem habe das Motorrad keine Straßenzulassung – so habe er und sein Kollege (der in Zivil ein paar Meter abseits steht) das Motorrad beschlagnahmt. Jetzt muss die Staatsanwaltschaft ran. Er schätzt, dass dieses Vergehen ca. 1000 Euro Strafe mit sich ziehen wird.

Weiter geht meine Reise zu der aussichtsreichen Assietta-Kammstraße, die zu den beliebtesten Höhenstraßen der Westalpen zählt. Sie zieht sich am Kamm zwischen Valle Susa und Valle del Chisone entlang und bewegt sich in Höhenlagen zwischen 2000 und 2500 m. Der höchste Punkt liegt mit 2550 m unterhalb des Gipfels der Testa dell'Assietta (2567 m).

Die Tour beginnt am oberen Ende der Südrampe des Colle delle Finestre. Nach dem Colle dell'Assietta endet die wunderbare Strecke dann an der Scheitelhöhe des Colle di Sestriere. Die Strecke ist bis auf ein kurzes Stück am Anfang komplett geschottert, und in der Regel problemlos zu befahren. So auch heute. Voller Glück, müde und zufrieden fahre ich die letzten Meter der Assietta in Richtung Sauze d’Oulx.

Nach dem 2360 Meter hohen Col d‘Izoard, den sicher die Radsportler von der Tour de France kennen wartet ein weiteres Highligt auf mich: Der 2672 Meter hohe Col du Parpaillon. Die unbefestigte Strecke über den Col du Parpaillon verbindet Châtelard im Ubaye-Tal mit Embrun im Durance-Tal. Der berühmt-berüchtigte Scheiteltunnel des Col du Parpaillon kann es dabei in sich haben: Der Untergrund im Tunnel variiert je nach Wetter und Jahreszeit von tiefen Pfützen über schmierigen Schlamm bis zur soliden Eisplatte.

Die eigentliche Passhöhe befindet sich in 2780 Metern Seehöhe. Diese kann jedoch nicht angefahren werden, da unter dem Passscheitel ein 520 Meter langer Tunnel in 2637 Metern Höhe die Südostrampe mit der Nordwestrampe verbindet. Die Erbauung der hochalpinen Strecke durch französische Soldaten begann im Jahre 1891 und fand aufgrund der widrigen hochalpinen Verhältnisse sowie der Schwierigkeiten beim Bau des für damalige Verhältnisse sehr langen Scheiteltunnels erst nach 20 Jahren im Sommer 1911 ihren Abschluss. Landschaftlich ist diese Strecke eine der spektakulärsten Offroad-Straßen im Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich. Vorsicht ist allerdings in hohem Maße auf beiden Passrampen angebracht: der Untergrund der nicht randgesicherten Strecke besteht hier zum Teil aus sehr groben Schotter und kann die Fahrt zu einer schmierigen und komplizierten Route machen.

Vor mir liegt nun der Col d’Agnel der das Varaita-Tal in Italien mit dem Queyras-Tal in Frankreich verbindet. Er zählt zu den höchsten Alpenpässen nach dem Stilfser Joch und dem Col de l’Iseran und ist die höchste grenzüberschreitende Passstraße der Alpen. Wegen seiner Höhe ist er auch nur wenige Monate im Sommer befahrbar (ca. Mitte Juli - Mitte September).
Beide

Beide Passrampen sind asphaltiert, jedoch stellenweise etwas schmal und nicht immer im besten Zustand, dafür geht es auf dem für den Verkehr unbedeutenden Pass auch eher ruhig zu.
Angekommen in dem Alpendorf Sampeyre geht meine erste Tour am folgenden Tag über die aussichtsreiche Varaita-Maira-Kammstraße (VMKS), deren offizieller Name eigentlich »Strada dei Cannoni« lautet. Sie führt vom Westrand der Poebene über den Höhenzug zwischen Varaita- und Mairatal bis zum Colle della Bicocca am Fuße des Pelvo d’Elva (3064 m) und steigt dabei allmählich von 600 bis auf über 2300 m an.

Die gesamte Kammstrecke ist geschottert und zum großen Teil gut zu befahren. Einige Passagen, die im Bereich von Hangrutschungszonen liegen, erreichen aufgrund von sehr grobem und sehr losem Schotter hohe Schwierigkeitsgrade, die dem Fahrer so einiges abverlangen. Die eigentliche Kammstrecke beginnt bei Colletto di Valmala, dessen Scheitel nur ca. 100 m südlich der Straße liegt. Bis zum Colle della Ciabra tritt die Vegetation mehr und mehr zurück und es bieten sich schöne Ausblicke ins Varaita- und Mairatal. Später passiert man den nördlich der Straße liegenden Colle di Melle. Jenseits des Colle Birrone folgt der schwierigere Teil der VMKS. Nach einigen steilen und etwas ruppigen Kehren führt der Weg z.T. durch Hangrutschungszonen mit grobem Geröll, die sich über den Colle Rastcias bis fast zur Bassa d’Ajet fortsetzen. Danach wird die Strecke wieder besser. Nach grandiosen Fern- und Weitsichten kreuzt man am Colle di Sampéyre die asphaltierte Straße von Sampéyre nach Elva, die Gelegenheit bietet, sowohl ins Varaita- als auch ins Mairatal abzufahren. Die Kammstraße setzt sich von hier aus noch über 6 km fort, bis man am Colle della Bicocca den Endpunkt der befahrbaren Strecke erreicht.

Ein Blick auf die Landkarte macht mich wieder einmal auf den Col La Colletta aufmerksam. Schnell habe ich am nächsten Tag den Ausgangspunkt dieser alten Militärstraße in Acceglio angefahren und nun beginnt ein Offroad-Abenteuer auf 2830 Meter Höhe. Der Weg ist in einem schwierigen Zustand und nicht umsonst wird dieser Straße unter den „100 dangerous roads of the world“ gelistet.

Vor allem der Teil ab ca. 2500 Meter Meereshöhe ist einem sehr ruppigen Zustand der reichlich Adrenalin verursacht. Und wie das so ist – in einem Augenblick ist man noch völlig von der grandiosen Landschaft fasziniert – im nächsten Augenblick befindet man sich bereits in voller Fahrt auf diesem sehr schwierigen Endstück. Als Endurofahrer hat man gelernt: Wenn es schwierig wird – mehr Gas geben. Und wenn es noch schwieriger wird – dann noch mehr Gas geben… Und so „fliege“ quasi die letzten Meter bis zum Gipfel hinauf und schaue überwältigt in das Tal hinab. Wie immer fotografiere ich auf dem Gipfel viel und versuche die adrenalingeschwängerten Nerven zu beruhigen. Doch der Gedanke an die Rückfahrt lässt schon ein wenig Respekt aufkommen.

Nach diesen Offroad-Kilometern fühlt es sich dann wieder gut an, befestigten Untergrund zu befahren. Doch nur wenige Kilometer weiter und eine leckere Portion Spaghetti aglio e olio später befindet sich die Maira-Stura-Kammstraße.

Diese Offorad-Strecke zählt zu einem Netz ehemaliger Militärsträßchen, welche überwiegend als schmale geschotterte Fahrwege mit festem Untergrund angelegt wurden. Diese Straße verbindet die beiden Täler Maira und Stura miteinander.

Ihre Höhenlage vermittelt unterschiedliche herrliche Ausblicke. Diese knapp 40 Kilometer lange Offraod-Strecke ist sicherlich aufgrund der sich rasch wechselnden verschiedenen Bergpanoramen als einzigartig zu betrachten. Steile Auffahrten, sowie tiefe Schluchten unterstreichen die einzigartige Bergwelt.

Der nächste Tag soll ein echter Tag für Grenzgänger werden. Mannigfach wechselt die Via del Sale, die Ligurische Grenzkammstraße die Landesgrenze zwischen Italien und Frankreich.
Diese Offroad-Strecke ist die längste und abgelegenste Militärstraße, welche Moussolini zwischen den beiden Weltkriegen an seiner Grenze hat bauen lassen. Sie verläuft ausgehend vom Tendapass ca. 100 Kilometer durch unbesiedeltes Gebiet im Niemandsland. Dabei wechselt sie 27-mal die französisch-italienische Grenze, bleibt aber immer auf ca. 2000 Höhenmeter. Der beste Einstieg in die Grenzkammstraße geht wohl vom Col de Tende aus - für Enduristi ein Muss! In Denzels Schotterbibel mit Schwierigkeitsgrad 4-5 angegeben, sind diese 48 Kehren ein perfektes Warm-up für das große Abenteuer. Sind doch die oberen 24 ohne Asphalt, dafür aber ebenso steil wie die anderen. Diese alte Bergstrecke auf den Gipfel ist offiziell gesperrt, man muss sich auf dem Gipfel an einer echten Straßenbarriere bestehend aus großen Felsblöcken vorbeischlängeln. Doch auch hier muss man wieder einmal sagen – die Straßenbaumeister, die diese Strecke in kühnen Serpentinen angelegt haben müssen wahre Götter des Straßenbaus gewesen sein.

Hat man diese Anfahrt gemeistert, erreicht man das ehemalige Fort Central, welches sich wie ein Adlernest vor dem felsigen Hintergrund aufbaut. Die Ligurische Grenzkammstraße ist ein Refugium von hohem Erholungswert, eine hochalpine Strecke über 60 Kilometer, auf der nur wenige Menschen unterwegs sind. An Endurofahrer stellt die Befahrung der langen, unbefestigten Strecke abseits menschlicher Siedlungen erhebliche physische und psychische Anforderungen. An vielen Stellen ist man völlig ausgesetzt und ein Abrutschen von dem schmalen, grob geschotterten Weg würde einen Sturz von nicht selten vielen hundert Metern mit sich führen. Also – hier sollten Mensch und Maschine wirklich eine Einheit bilden. Hat man allerdings diese Strecke einmal unter den Rädern, dann kommt sehr schnell das wohlige Gefühl des durch den Körper fließenden Adrenalins: Wunderschöne Aussichten in einer sagenhaften Bergwelt lassen mich nur langsam vorankommen. Immer wieder muss ich anhalten um diese Bergwelt zu fotografieren. Die Fahrt auf dem Ligurischen Grenzkamm führt mich über Col des Seigneurs und dem Col de Saccarello nach Pigna. Hier, nur wenige Kilometer vom italienischen Mittelmeer entfernt, endet diese Tour.
Bei einer Flasche Rotwein und den vielleicht besten italienischen Spaghetti, die ich je gegessen haben, schaue ich voller Bewunderung meine Reisebegleiterin, die BMW GS1250 WordTravelEdition von Touratch an.

Dieses Motorrad, dass seit vielen Jahren Offroad-Gene aus der bayrischen Motorradschmiede kultiviert, hat Touratech noch eins oben draufgesetzt. Die Maschine verfügt über ein eigenständiges Design. Zahlreiche Komponenten sind in individuellen Farben lackiert. Die weiß-blaue-rote Lackierung – die Farben der französischen Trikolore erregen bei den Franzosen äußerst großes Interesse und Aufmerksamkeit. Technisches Highlight der Maschine ist das Fahrwerk. Die Originalfederbeine werden durch expeditionstaugliche Komponenten von Touratech Suspension ersetzt. Sämtliche Funktionen des elektronischen Fahrwerks bleiben vollständig erhalten. So wird eine wirklich schwierigere Schotter-Fahrt deutlich einfacher und sicherer. Unglaublich, was fortschrittliche Fahrzeugtechnik im Enduro-Bereich so leistet.

Die kommenden Tage sollen ruhiger werden – die Cote’Azur steht auf dem Programm, bevor es dann durch die französischen Pyrenäen in Richtung Atlantik geht.

Teil 1: Doubs – Jura und Savoyen

Eigentlich sollte man das Wort EIGENTLICH gar nicht verwenden. Es ist ein relativierendes Wort, das auch verstärkend wirken kann. Eigentlich hatte ich vor, im Sommer für drei Wochen nach Bulgarien zu reisen. Dann kam Corona. Wie bei so vielen hat sich mein Arbeitsleben dadurch komplett verändert. Als Kulturveranstalter, Coach und Trainer brachen innerhalb kürzester Zeit alle Aufträge weg – und das bis Jahresende… So weit – so schlimm. Auch die Bulgarien-Reise rückte in große Ferne, bis plötzlich Ende Mai – Anfang Juni die Reisebeschränkungen für das EU-Ausland aufgehoben wurden. Na dann – so dachte ich, fahre ich nicht nur für drei Wochen nach Bulgarien, sondern mache gleich sechs Wochen daraus und bereise auch noch Rumänien mit der Enduro… Nur wenige Tage vor dem geplanten Abreise-Datum 11. Juli überschlugen sich dann wieder die Nachrichten. Auf dem Balkan explodiert das Corona-Virus. Lokale Lockdowns wurden nicht nur angekündigt, sondern auch durchgeführt. Eigentlich - ja - eigentlich platze da gerade ein schöner Traum… ABER, meine Reisebegleiterin für Rumänien wäre eine GS1250 WordlTravelEdition gewesen – und wie ich mir so die Farben dieses Motorrads anschaue, reift die Idee mit diesem Moped, dass die Farben der französischen Trikolore aufgreifen, einmal um Frankreich herum zu reisen.

Da warten jede Menge Pässe, wunderbare Landschaften, kulinarische Höhepunkte sowie viel geschichtsträchtiges Terrain auf mich. Eigentlich ist das eine gute Idee… Und das Wort EIGENTLICH kann ja nicht nur relativieren – es kann auch verstärken. Eigentlich wollte ich immer schon einmal die Tour de France fahren (nicht mit dem Fahrrad – eher mit der Enduro!).

Am Grenzübergang in Mulhouse beginnt meine Tour de France. Schnell sind die ersten Kilometer bis Montbéliard zurückgelegt. Schnell ist relativ: Seit einigen Jahren gilt in Frankreich auf kleinen Landstraßen eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h. Da die Franzosen verstanden haben, viel zu kontrollieren, empfiehlt es sich, auch wirklich die Höchstgeschwindigkeiten einzuhalten und gemütlich die Fahrt anzugehen.

In Belfort kreuze ich dann zum ersten den Fluss Doubs, der auch gleich die folgenden Streckenabschnitt bis Besancon sein unverkennbares Gesicht und Namen gibt: Das Doubstal inn dem sich der Fluss unaufhörlich zwischen mit Wäldern bedeckten Hügeln und Felsen hindurchschlängelt ist ein echtes Fahrparadies. Auf diesem spektakulären Streckenabschnitt des bis nach Besançon gibt es viel zu entdecken: Historische Städte und Überreste der Industrie, die bis zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für reges Treiben in diesem Tal sorgte. Die Straße schlängelt sich eng am Fluss entlang und ich erhasche immer wieder wunderbare Weit- und Fernblicke.

Besançon ist die Hauptstadt der Region Franche-Comté, die Stadt der Kunst und der Geschichte, und liegt direkt an einer Windung des Doubs. Eine stattliche Zitadelle überragt die Stadt und verweist dabei auf eine geschichtsträchtige und wehrhafte Stadt hin. Besançon gilt als die grünste Stadt Frankreichs. Das manifestiert sich nicht nur durch sehr viele städtische Grünflächen, sondern auch durch einen ausgeprägten Natur- und Landschaftsschutz. Meine Reise geht weiter nach Arbois, der Geburtsstadt von Louis Pasteur dem großen Mikrobiologen.

Arbois bietet aber noch viel mehr. Arbois ist eine echte Genuss-Stadt und steht neben feinster Schokoladenmanufakturen auch wegen besten Käsezubereitungen bei vielen Gourmets hoch im Kurs. Arbois war weiterhin einer der ersten Weinbauorte in Frankreich, der als kontrollierte Herkunft klassifiziert wurde und zwar bereits 1936. Eigentlich könnte man den ersten Reisetag nun in Arbois ausklingen lassen - aber die Offroad-Gene der GS1250 sind geweckt und so fahren ich einen wunderbaren Trail bis zu den Cascades du Hérisson (Wasserfälle des Hérisson). Der Hérisson fließt am Ende einer Schlucht in sieben Wasserfällen aus einer Höhe von 805 Metern über insgesamt 280 m in die Tiefe. Ein markierter Fußpfad führt an zahlreichen Wasserfällen, -becken und Höhlen vorbei.

Am nächsten Tag präsentiert das französische Juragebirge in seiner schönsten Form. Auf kleinsten Sträßchen navigiert mich mein brandneues Navi Garmin XT an Pontarlier vorbei zur Quelle der Doubs in der kleinen Ortschaft Mouthe. Die Source du Doubs (dt.Quelle des Doubs) ist eine mächtige Karstquelle in einem stark verkarsteten Bereich des Juragebirges. Sie liegt im Naturpark Haut-Jura, auf einer Höhe von 937 m am Fuß der bewaldeten, bis zu 1419 m hohen Bergkette des Mont Risoux, auf der die Grenze zwischen Frankreich und der Schweiz verläuft. Der Doubs entspringt einer Höhle im Felsen aus einem kleinen, etwa fünf Meter tiefen Quelltopf. Die Quelle schüttet durchschnittlich 1740 Liter pro Sekunde und ist der Ausgang eines komplexen Höhlensystems mit mehreren Siphons.

 

Von hier aus geht die Reise ganz nah an der Schweizer-Grenze weiter in Richtigen Genf, vorbei am völlig überbevölkerten Lac de Annecy nach Albertville.

Albertville ist eine französische Gemeinde mit knapp 20000 Einwohnern im Département Savoie in der Region Auvergne-Rhône-Alpes in den Alpen und ist Ausgangpunkt für die kommenden Tage durch eine wunderbare Bergwelt. Albertville steht auch heute noch ganz im Zeichen des Wintersports. Die Olympischen Winterspiele 1992 wurden vom 8. bis 23. Februar 1992 in Albertville ausgetragen. Nach den Winterspielen 1924 in Chamonix und 1968 in Grenoble fanden damit zum dritten Mal Olympische Winterspiele in Frankreich statt. Leider hält Albertville den Vergleich mit den anderen Olympia-Städten nicht stand. Die Stadt ist in die Jahre gekommen – es wird nichts mehr reinvestiert – die großen Hotelanlagen stehen wie so häufig im Sommer in Frankreich leer und machen keinen einladenden Eindruck. Geografisch ist Albertville jedoch ein Juwel für meine Tour de France. Große und namhafte Berggipfel sind in Schlagdistanz.

Gleich in der Nähe von Albertville befindet sich der Col de la Forclaz auf dessen Passgipfel eine kleiner, sehr steiniger und schmaler Weg abzweigt und dann über 80 Kilometer besten Offroad-Spaß immer mit Weitblick auf das Mont-Blanc-Massiv bietet. Das Wetter heute ist so gut, dass die Fernsicht leider zu keinem Zeitpunkt den höchsten Berg Europas mit 4810 Metern Höhe freigibt. Immer versteckt sich der Gipfel in Wolken und zieht meine Blicke dennoch magisch an.

Nach dieser schönen und nicht schwierigen Offrund-Runde wartet griffiger Asphalt auf mich: Der Col du Pré und der Roselend-Talsperre. Der Col du Pré führt von Beaufort über Arèches zum Lac de Roselend und kann somit als zweiter (nordwestlicher) Anfahrtsweg zum Cormet de Roselend angesehen werden.

Diese Region besticht durch viele Almen und unzähligen Kuhherden. Verwunderlich ist das nicht, denn die Stadt Beaufort ist Namensgeber für feinste Käsespezialitäten. Der Beaufort ist ein französischer Schnittkäse aus roher Kuhmilch, der im Osten des Département Savoie und zwei angrenzenden Gemeinden des Département Haute-Savoie in den französischen Alpen hergestellt wird. Seit 1945 ist Beaufort eine Herkunftsbezeichnung, seit 1996 eine geschützte Ursprungsbezeichnung. Der Käse schmeckt je nach Reifegrad mild bis zu sehr würzig. Besonders lecker schmeckt die Käsespezialität als Raclette-Käse oder Tratiflette, einem mit Käse überbackenen Kartoffel-Gratin.

Am nächsten Tag steht der Cormet de Roselend auf dem Programm- Onroad geht zu dem Gebirgspass mit einer Höhe von 1967 m in den französischen Alpen im Département Savoie. Die durchgehend asphaltierte Straße verbindet Beaufort im Tal des Doron mit Bourg-Saint-Maurice im Tal der Isère. Und wenn man schon einmal im legendären Val d’Isere ist, dann darf eine Anfahrt auf den Col d’Iseran nicht fehlen.

Val-d’Isère ist ein für Frankreich typischer Ort, der an Hässlichkeit kaum zu überbieten ist. Man hat fast den Eindruck, dass diese Städte ausschließlich für die Ansprüche der Skifahrer am Reißbrett entworfen wurden. Auch wenn man versucht mit Holzfassaden einen Hauch von Flair zu verbreiten, so sind diese Orte wie beispielsweise Tigne und Courchevel keine schönen Ortschaften in den französischen Alpen in der Nähe der italienischen Grenze. Der Col de l’Iseran ist mit einer Höhe von 2764 m der höchste überfahrbare Gebirgspass der Alpen. Dieser Bergpass wird auch „Der sanfte Friese“ genannt, da er sich immer höher in den Himmel hinaufschraubt und quasi nie enden möchte. Es gibt seit vielen Jahren Meinungsverschiedenheiten über das Attribut „höchster überfahrbare Gebirgspass der Alpen“. Das ist aber zweifelsohne der Col de l’Iseran. Häufig wird der Col de la Bonette mit seinen 2715 Metern Höhe genannt, die 2802 m erreicht man nur durch die Zusatzschleife, die jedoch kein Pass ist.

Albertville hat mir nun für drei Tage als Ausgangspunkt für meine weitläufigen Touren gedient. Heute verlasse die Olympische Stadt und fahren zum Col de Mottet über den ich dann auf einer sehr herausfordernden Offroad-Strecke zum Col de la Madeleine gelange.

Diese Berge sind allesamt Highlights der über 100-jährigen Tour-de-France-Radrenngeschichte. Viele Heldengeschichten haben sich auch am Col de Telegraphe sowie dem Col du Galibier zugetragen. Der Col du Galibier zählt wohl zu den bekanntesten klassischen Anstiegen der Tour de France – man kann ihn getrost in einem Atemzug mit dem Col du Tourmalet in den Pyrenäen und dem Mont Ventoux in der Provence nennen. Mit seinen 2645m Scheitelhöhe ist der Galibier zudem nicht nur der fünfthöchste asphaltierte Alpenpass sondern auch einer der kältesten Berggipfel in dieser Region. Heute, da sich die Sonne hinter dicken Wolken versteckt, zeigt das Bord-Thermometer auf knapp 2700 Metern Höhe nur frische sechs Grad. Wieder einmal bin ich echt froh, dass man Motorrad-Komfort einfach kaufen kann. Der innovative Compañero-Motorradanzug von Touratech vereint die Vorteile eines sportlichen Sommeranzugs mit dem Komfort einer wetterfesten Membrankombi. Schnell habe ich mir die Winterjacke aus meinen Koffern geholt und übergezogen und schon kann mir die Kälte nichts mehr anhaben.

Die heutige Fahrt endet in einer für Radfahrer wie auch Motorradfahrer legendären Stadt. Briançon ist mit ihrer Lage in 1326 m Höhe die höchste Stadt in Frankreich und liegt genau in der Mitte von fünf Tälern. Diese Stadt der Kunst und der Geschichte, die durch den Festungsbaumeister Vauban im 18. Jh. befestigt wurde, gehört heute zum Weltkulturerbe der UNESCO. In Briançon befindet sich eine bemerkenswerte Zahl militärischer Bauten, die zwischen dem 18. und 20. Jh. zur Verstärkung des Verteidigungssystems der Stadt errichtet wurden. Bei einem Rundgang durch die Stadt entdeckt man die Oberstadt oder die Zitadelle von Vauban, das Herzstück von Briançon, das von dem Schloß überragt wird, und auch die verschiedenen umgebenden Festungsanlagen wie das Fort Salettes, das Fort Trois Têtes oder auch das Fort Randouillet.

Ich befinde mich nun in den Westalpen. Hier gibt es aus verschiedenen (Welt-)Kriegen viele alte Militärstraßen. Genau diese Offroad-Tracks werde ich in den kommenden tagen unter die Stollenräder nehmen. Auch wenn hierbei gelegentlich das Hoheitsgebiet der Franzosen verlassen werde (manche dieser legendären Offroad-Strecken liegen auf italienischer Gemarkung) so werde ich meiner Tour die France in Richtung Mittelmeer, Cote d’Azur und Provence fortsetzen.

 

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